Herr Dr. Eichmann, sind Versicherungsvereine die besseren Versicherer?
Bei der Frage, ob besser oder schlechter, ist die Gesellschaftsform nur einer von vielen Erfolgsfaktoren, zumal diese Bewertung auch subjektiv geprägt ist. Versicherungsvereine haben per Definition einen anderen Schwerpunkt, sind nicht ausschließlich renditegetrieben wie Kapitalgesellschaften, sondern können ihren Fokus mehr auf Nachhaltigkeit und die Solidarität der Gemeinschaft legen. Was dabei besser oder schlechter ist, muss jeder Kunde für sich selber bewerten. Ein Wettbewerb der Unternehmensformen ist dabei keinesfalls beabsichtigt.
Im vergangenen Jahr scheinen Versicherungsvereine jedenfalls ihre Marktanteile ausgebaut zu haben. Glauben Sie hier an eine längerfristige Entwicklung? Auch in den letzten zehn Jahren haben die Versicherungsvereine Marktanteile gewonnen.
Versicherungsvereine sind in der Regel aus bestimmten Kundensegmenten heraus entstanden und damit kundenfokussierter und persönlicher als große Kapitalgesellschaften. So kann man der individuellen Betreuung der Kunden und damit dem Servicegedanken ein größeres Gewicht beimessen; es gibt ausschließlich einen „stakeholder“, den Kunden. Gerade im für viele Menschen intransparenten Versicherungsmarkt wissen das offenbar immer mehr Kunden zu schätzen, hinsichtlich der weiteren Marktentwicklung für Versicherungsvereine bin ich eher optimistisch.
Sind es auch Versicherungsmakler, die zum Ausbau der Marktanteile beitragen?
Versicherungsmakler tragen sehr viel zum Erfolg unseres Unternehmens bei. Der Makler an sich ist ja schon ein kleines, individuelles Unternehmen, das ganz nah am Kunden arbeitet. So führt er den Grundgedanken des Versicherungsvereins konsequent fort und passt damit perfekt zur unternehmerischen Ausrichtung eines Versicherungsvereins.
Wie steht es denn im Allgemeinen um Substanz, Finanzstärke und Profitabilität von Versicherungsvereinen? Für Vertriebspartner werden diese Kennzahlen immer wichtiger.
Substanz und Finanzstärke von Versicherungsvereinen sind im Durchschnitt besser als bei den Kapitalgesellschaften. Hier sind die Schwerpunkte anders gesetzt, es verlässt kein Kapital das Haus und Profite werden in der Regel thesauriert. Stichwort Kapitalbeschaffung oder Gewinnausschüttung. Natürlich werden auch Versicherungsvereine nach betriebswirtschaftlichen Kennzahlen geführt und nur mit entsprechender Profitabilität ist die Investitionsfähigkeit sichergestellt. Aber die breitere Aufstellung bei den Unternehmenszielen kann zu nachhaltigerem Wachstum führen als eine oft kurzfristig gedachte Rentabilitätsstrategie.
Als Sie zum Vorstandsvorsitzenden der ARGE – der Arbeitsgemeinschaft der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit e.V. – gewählt wurden, haben Sie angekündigt, die Interessen der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit stärker in die öffentliche Diskussion einbringen zu wollen. Welche Interessen sind das denn?
Die Versicherungsvereine können einen wichtigen Beitrag für sozialpolitische und wirtschaftliche Herausforderungen liefern und sollten als solche mehr in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Wir möchten die oben erwähnte differenzierte Unternehmensausrichtung genauso transparent machen wie die daraus resultierende langfristige betriebswirtschaftliche Stabilität. Weiter möchten wir rechtsformbedingte und sachlich nicht berechtigte gesetzgeberische Benachteiligungen der Versicherungsvereine thematisieren und gegebenenfalls das Gesetzgebungsverfahren zu deren Modifizierung entsprechend anstoßen.
Mit dem Rentenwerk gibt es eine noch neue Kooperation von Versicherungsvereinen, auch die Gothaer ist daran beteiligt. Werden wir in Zukunft weitere Kooperationen sehen?
Wir stehen Kooperationen, die für alle Seiten Nutzen bringen, immer offen gegenüber. Das Rentenwerk ist eine perfekte Chance für die Versicherungsvereine, ihre Kompetenz gemeinsam darzustellen. Ich denke, diese Chancen haben wir mit dieser Kooperation gut genutzt.
Auch bei der Gothaer wollen Sie den Gemeinschaftsgedanken mehr herausstellen. Wie wird das künftig aussehen?
Mit unserer aktuellen Imagekampagne stellen wir auf emotionale Art und Weise dar, was Gemeinschaft bewirken kann, dass eine Gemeinschaft auch für den Einzelnen immer stärker ist, als wenn dieser ganz alleine versucht, das Leben zu meistern. Der Ursprungsgedanke einer Versicherung ist ja gerade das gemeinschaftliche Eintreten für den, der gerade in Not geraten ist – das werden wir in Zukunft weiter herausstellen.
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